Schafgarbe – allein unter vielen, 28.08.2022

Die Venusbraue kann uns schmerzlich daran erinnern, dass wir viel verbitterter, verärgerter und verletzter sind, als wir uns selbst eingestehen. 

Kämpfe in unserem Privatleben, Scheidungen, Isolation, Unterdrückung, Vernachlässigung, Einsamkeit, Sucht, Ärger und Erschöpfungszustände haben uns die Welt durch die Täter-Opfer-Brille sehen lassen. Besonders wenn wir als Überlebensmechanismus dazu gezwungen wurden, diese Sicht anzunehmen, kann es gar unmöglich oder sogar tödlich erscheinen, sie aufzugeben. Möglicherweise beginnen wir dann gar, diese Weltsicht als Beweis für das unerbittliche Sieg-oder-Niederlage-Wesen des Lebens selbst zu nehmen.

Überleben oder gewinnen mag erfolgreich unmittelbar in einer Konkurrenzsituation, einem Gefecht oder einem Trauma sein, aber sobald die direkte Gefahr vorüber ist, reicht das bloße Überleben nicht für unser Dasein aus. Liebe und Zugehörigkeit sind bekanntermaßen unverzichtbare Bedürfnisse aller, und ohne Verletzlichkeit können wir Liebe und Zugehörigkeit nicht empfinden. Ein Leben ohne menschliche Verbundenheit – ohne Liebe und Zugehörigkeit zu erfahren hat nichts mit einem Sieg zu tun.

Bei all den eingesetzten Schutzschildern, die wir benutzten, um uns vor Verletzlichkeit zu schützen, könnten wir uns allerdings fragen: Was geschieht, wenn wir unseren Kindern beibringen und vorleben, dass Verletzlichkeit gefährlich ist und vermieden werden sollte? Sorgt nicht so ein übernommener Täter-Opfer-Panzer erst recht für Verhaltensweisen wie Dominanz, Kontrolle und Macht über Menschen? Und kann nicht so ein permanentes Opfergefühl genau das erzeugen, ständig mit der Vorstellung kämpfen zu müssen, dass jemand es auf einen abgesehen hat und ungerecht behandelt zu werden? Vielleicht richten wir uns deshalb dann sogar lieber in der Opferrolle ein, einfach weil wir keine Täter werden wollen, was in unseren Augen die einzig mögliche Alternative wäre?